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Werner Grotte (Öffentlich-rechtlich: Fr, 01.04.2016, 01:00)
Lecker, Ranking & Co.: Sprachmissachtung im ORF

Der ORF als Träger der Volkskultur steht ja gemäß seinem Bildungsauftrag immer an vorderster Front, wenn es gilt, heimische Sprache und Bildung hochzuhalten. In Folge einige (auszugsweise) Beispiele der letzten Wochen für besonders gelungene österreichische  Kulturpflege:

So vermeldet etwa der Verkehrsfunk auf Radio Wien am 18. Dezember 2015: „Hie und da poppen Staus auf.“

Nur einen Tag später erfahren wir am gleichen Sender von einem „Verein open house“ für architektonisch interessante Gebäude, den man mit „Volunteers“ besuchen kann.

In Sachen Eigenwerbung formuliert Radio Wien (nein, nicht Ö3): „So kann Lieblingsmusik“.

Zu Weihnachten hören wir im ORF-Radio vor allem typisch heimische Weihnachtslieder wie Wonderful Christmas Time, Now This Is Christmas, Feliz Navidad, Christmas Time, Rudi The Rednose Reindeer, Santa Clause Is Coming, Last Christmas und ähnliches Kulturgut bis zum Erbrechen. Immerhin spielt der ORF das zu Lebzeiten Georg Danzers weitgehend geächtete Wie woar Weihnachten seit seinem Tod öfter – leider zu oft. Totgespielt ist auch tot.

Gegen Jahreswechsel hin überraschen uns die ORF-Nachrichten mit folgender, brav gegenderter Erkenntnis: „Im kommenden Jahr wird in Österreich ein neuer Bundespräsident oder eine neue Bundespräsidentin gewählt. Es gab aber noch nie eine Bundespräsidentin.“

Damit unmodern gewordene, österreichische Ausdrücke wie „Sackerl“ endlich ersetzt werden können, vermeldet Radio Niederösterreich in den Nachrichten am 27. Dezember: „Vergewaltiger entreißt Frau eine Plastiktüte."

Auf Radio Niederösterreich erfahren wir, dass „ein Gewalttäter in Wiesen ausgerastet ist“. Leider erfuhren wir nicht, ob der Täter gewalttätig wurde, bevor oder nachdem er gerastet hatte. Denn ausgerastet ist man nach österreichischer Diktion bekanntlich, wenn man ein wenig ausgeruht hat. Aber vielleicht hat hat der Mann auch durchgedreht oder die Nerven weggehaut, weil man ihn nicht ausrasten ließ.

In der – mittlerweile pausierenden – ORF-Serie SOKO Donau wimmelt es stets von Piefkinismen, und das nicht nur aus dem Munde des ausgewiesenen Piefke-Ermittlers Carl Ribarski  (Stefan Jürgens). So definierte TV-Kommissarin Penny Lanz (Lilan Klebow) einen ungebildeten, jugendlichen Proleten mit ein Neet (engl. Fachausdruck für Not in Education, Employment or Training), was jeder österreichische TV-Konsument sofort versteht. Statt in Geschäften wird in Läden eingebrochen, wer eingesperrt wird, landet nicht im Häfen oder im Gefängnis, sondern im Bau oder im Jugend-Knast. Und ernähren tun sich die Sokoisten nahezu ausschließlich von Liefer-Pizza.

Doch zur Anglo-Piefke-Ersatzsprache braucht man nicht zwingend SOKO-Donau: Sogar das noch manchmal halbwegs bodenständige Radio Niederösterreich vermeldete einen Tag vor Silvester: Datenklau im Internet. Als ob man das Stehlen hierzulande abgeschafft hätte. Es ist mit dem Stehlen wie mit dem „Deal“: Man traut sich die Wahrheit nicht mehr direkt auszusprechen. Ein klar unter das Strafrecht fallendes Stehlen wird zum augenzwinkernden „Klauen“, ein ebenso eindeutig linkes Geschäft zum „Deal“ - siehe EU-Türkei-„Deal“.

Anglophiler wird es wieder bei den Musiktipps auf Radio Wien, wo wir am 5. Jänner von Indoor-Konzerten erfahren, während nur einen Tag später am gleichen Sender von einem Beton-Klotz an der Hand einer Leiche die Rede ist. „Klotzen nicht kleckern“, sagte schon Bismarck (und Guderian). Beide waren Deutsche, wenn auch heldenhafte.

Soweit nur möglich wird also entweder (d)englisch und Piefkinesisch verwendet, Hauptsache, nix Bodenständiges. Die Wiener Ballsaison bietet ebenso wie der Zuckerbäckerball am 11. Jänner in einer Meldung gleich zweimal hintereinander Highlights.

Manchmal ist es auch die Rechtschreibung, die den ORF-Machern Mühe macht, etwa wenn die Nachrichten am 15. Jänner vermelden, dass der Haschahof geschliffen werden soll. Die Frage ist nur, wie viel Karat er danach gehabt hätte. Weil geschleift ist er bis heute nicht,

Wie sehr sich die Bildungskrise selbst bei Akademikern bemerkbar macht, hören wir in der medizinischen Schleichwerbungs-Sendung „Welt der Medizin“ (sie fällt wohl unter die sattsam bekannten „Produktplacierungen“) am 25. Jänner auf Radio Wien, als ein Mediziner Dr. Löwy erklärt, die Zeit hilft dem Patienten, diesen Virus zu bekämpfen. Welchen Computer-Virus er damit meinte, erfuhren wir nicht.

Dass die Nacht-Abfahrt in Schladming am 26. Jänner im ORF Radio-Wien zum Night Race wird, wundert wohl niemanden mehr. In der Formel Eins-Berichterstattung spricht der ORF ja auch nur noch vom Kwolifeiing und nicht mehr von der Qualifizierung, wie jahrzehntelang zuvor. Ganz ähnlich wie nur einen Tag später am gleichen Sender verbreitete Begriffe wie Crowdfunding-Boom und Crowd-Investing-Plattform. Sprachkönner hätten wohl entweder von einer Volksfinanzierungs-Plattform oder einer Crowd-Investing-Platform gesprochen – aber was sollen Sprachkönner beim ORF?

Sprachlich interessanter ist es schon, wenn am gleichen Tag zunächst um 15.00 der Riesentorlauf von Maribor stattfindet, um 18.00 die gleiche Veranstaltung aber in Marburg läuft. Hat sich hier jemand plötzlich daran erinnert, wie diese alte, österreichische Stadt in unserer Sprache heißt? Ganz ähnlich bei der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, bei der immer öfter darauf vergessen wird, dass sie in unserer Sprache Laibach heißt. So wie auch Prag (Praha), Brünn (Brno) Rom (Roma) oder Lissabon (Lisboa), bei denen (noch) kein ORF'ler bisher die deutsche Schreibweise vergisst. Bei Pressburg scheint man das (nicht nur im ORF) allerdings bereits völlig vergessen zu haben – es erscheint medial fast nur noch als Bratislava.

Doch schon am 2. Jänner finden Wildschweine im Lainzer Tiergarten leckere Dinge wie Haselnüsse oder Bucheckern. Und an Thanksgiving wird in den USA fleißig gegessen und getrunken. Zum Glück hatten wir zu Neujahr bereits genug zu feiern und am 2. Jänner einen Kater.

Am 6. Jänner vermeldet Radio Wien: „Alle Konzerte von Madonnas US-Tour sind sold out.

Zwischendurch verirren sich hin und wieder auch seltene heimatliche Vokale ins ORF-Radio, wenn es etwa am 7. Jänner in „Stand up Comedy“ abschließend heißt, Scheenan Obend, Pfiat Eich!

Zwar auch eher heimatlich, aber rechtschreiberisch problematisch wird es, wenn Radio-Wien (und auch andere Sender immer wieder) ein nur und ein mehr als nur mehr zusammen tun – dabei kann nur als Minimierung nicht mehr sein, sondern bestenfalls noch. Nur noch, also. Aber wer will beim ORF bitte solche Spitzfindigkeiten? Wer heute Matura macht, kann froh sein, wenn er überhaupt noch irgendwie Deutsch kann.

Leider scheint es auch um das Geschichtsbewußtsein und die Pietät der ORF-Macher schlecht bestellt zu sein: Ernennt doch Radio Niederösterreich am 13. Februar den Homosexuellen Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth glatt zur Kaiserin von Österreich. Maria Theresia, Sisi oder Zita, die zumindest Frauen eines Kaisers waren, vermeiden nur durch noble Zurückhaltung ein Rotieren im Grab. 

Doch die Wahrnehmung der Zuständigen scheint generell getrübt zu sein, denn schon am 19. Februar vermeldet Radio-Wien Sicherheitsprobleme rund um –zigtausende Asylwerber, die auf ihrer Flucht durch Wien gekommen sind. Aha. Die sind also quer durch Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich bis durch Wien panisch geflüchtet – aber wovor?

Immerhin – wenigstens wird in Köln schon gestraft, und zwar die ersten marokkanischen Asylbewerber, wie wir am 24. Februar auf Radio-Niederösterreich hören durften. Dabei dürften die in Österreich lediglich um ihr Asyl werben. Und sich nachher bestenfalls um einen Job bewerben.

Am 4. März vermeldet Radio-Wien, dass die Stadt bis 2020 raus will aus den Frankenkrediten. Es fragt sich halt, ob sie hinaus oder heraus will aus den Krediten. Denn Mehrkosten bleiben ja in jedem Fall. Wobei piefkinesische Slang-Ausdrücke wie raus, rein, rüber, runter, rauf  bisher vor allem von Bildungsblättern wie "Österreich" oder "heute" besetzt waren. Schön, wenn sich der gesetzlich Bildungsbeauftragte ORF hier freudig anschließt. Raus aus dem rechten Recht(s)schreibdiktat!

Doch wer wird sich mit solcher Spitzfindigkeit belasten, wenn das Wiener Riesenrad im Prater top-modernisiert wird (8. März, Radio Wien).

Die FPÖ veranstaltet im Wiener Gemeinderat am 19. März laut „Wien heute“ einen 25 Stunden-Redemarathon am Stück.

Im Stau-Ranking belegt Wien laut Radio-Wien am 24. März einen mittleren Platz. Unter den Top-Drei der europäischen Städte liegt allerdings (unter anderen) Istanbul. Dass die Stadt am Bosporus großteils in Asien liegt, spielt im weltkulturell empfindenden ORF keine Rolle.

Dafür erfahren wir nur zwei Tage später von einer neuen In & Outdoor-Markthalle im östlichen Niederösterreich.

Und die Vorbereitungen für das neue Frühstücksfernsehen „Guten Morgen Österreich“ sind irre aufregend.

Man könnte fast irr werden bei all dem sprachlichen Unfug unseres staatlichen Bildungsrundfunkes.

Do, 07.04.2016, 12:34 | Ingeborg Knaipp

Wer hören will, wie junge Wiener wirklich reden, muß ATV schauen. Der Wiener Dialekt ist längst ausgestorben, den kann auch Herr Grotte nicht mehr wiederbeleben.
Di, 05.04.2016, 15:41 | Schlußfolgerer

Daß „Broadcast“ Ö1 und „Television“ ORF1 und 2 „relevanter Bullshit“ sind, brachten sie uns selbst bei. Über den „Shitstorm“ darüber sollten sie daher nicht zu „upset“ sein… "Knocken wir sie out"!
So, 03.04.2016, 14:51 | Ingeborg Knaipp

Könnte man jetzt vielleicht auch noch das Wort "Piefke" auf die Liste der odiosen Wörter setzen? Besten Dank.
Mi, 06.04.2016, 23:36 | Werner Grotte

Sie haben recht, ich habe es übertrieben - und werde mich bessern. Korrekt müsste es Synchron-Plastikdeutsch heißen, oder so ähnlich. Piefke ist halt kürzer und es versteht jeder...
Sa, 02.04.2016, 13:39 | frankpat

man könnte auch die "great moments" erwähnen.
"Große Momente" wären ja nicht "in"
Sa, 02.04.2016, 12:22 | Erich

Der seltsame Ableger PULS4 zeigt uns den Weg: unlängst im Frühstücksfernsehen "I stood up very early" - war wohl am Morgen hingefallen? (wurde mir berichtet; solchen Schmarrn schaue ich nie an).
Sa, 02.04.2016, 08:16 | Karli Kraus

Sollte der ORF ein Geschenk für seine Sprecher suchen:
Hans WEIGEL: "Die Leiden der jungen Wörter".Ein Antiwörterbuch.
Anfang der 70er geschrieben, ist es heute noch aktuell!
Sa, 02.04.2016, 08:16 | Karli Kraus

Sollte der ORF ein Geschenk für seine Sprecher suchen:
Hans WEIGEL: "Die Leiden der jungen Wörter".Ein Antiwörterbuch.
Anfang der 70er geschrieben, ist es heute noch aktuell!
Fr, 01.04.2016, 16:48 | Ingrid B.

Spricht mir von der ersten bis zur letzten Zeile aus der Seele.
Ich denke immer, wie sollen die Schüler(Innen) ihre Muttersprache ordentlich und richtig lernen, wenn ihnen so etwas vorgesetzt wird.
Sa, 02.04.2016, 08:13 | Karli Kraus

Wenn`s "denglisch" sprechen müssen sie nicht gendern! :-)))))
Fr, 01.04.2016, 13:26 | Herwig Mankovsky

Rätselhaft auch die ,,After-Partys": Sind das spezielle Feiern in ,,Darkrooms"?
Di, 05.04.2016, 15:46 | Schlußfolgerer

Der war gut: Arschfeier klingt doch nicht ganz so „nice“ oder?
Fr, 01.04.2016, 13:12 | gerard

Journalismus ist ein Handwerk und will gekonnt sein. Wer so schludrig schreibt oder redet, hat weder Stil noch Hirn, beherrscht das Handwerk nicht - und sollte deshalb besser schweigen.
Fr, 01.04.2016, 17:34 | Ichwillfreibleiben

;-))
Fr, 01.04.2016, 11:38 | Ichwillfreibleiben

In der Tat eine Beleidigung für die Ohren, dieser Niedergang unserer schönen Sprache. Goethe würde sich im Grabe drehen wenn er dieses Kauderwelsch hören müßte.
Fr, 01.04.2016, 08:19 | Rudolf Willner

Sehr trauriger aber leider richtiger Befund...



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