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(oe1 Fr, 07.11.2014, 07:52)
Leporello

Wenige Minuten vor dem Journal um Acht hört man im 'Leprello' auf Ö1 eine Werbesendung über Klaus Werner Lobos 'Schwarzbuch Markenfirmen'. Es sei oft heute gar nicht so einfach, ein kritischer Konsument zu sein, meint der ORF-Moderator '...bei Computer oder Handys etwa lassen sich Weltkonzerne nur schwer umgehen'. Dazu meint der vom ORF auf den Stellenwert einer ökonomischen Instanz berufene Lobo: "Deshalb glaube ich auch, dass es wichtig ist, sich nicht so sehr auf die eigene Rolle als Konsument oder Konsumentin zu konzentrieren, sondern mehr auf die Rolle als aktiver Bürger und Bürgerin (sic!). Wir sind alle Teil einer Gesellschaft. Es geht darum, aktiver Teil dieser Gesellschaft zu werden."

Soweit die tiefgreifende Erkenntnis von Lobo. Der Radiohörer bekommt dann zu hören, dass sich 'nach dem erstmaligen Erscheinen des Buches, das Verhalten der Konzerne nur geringfügig geändert' hätte, was wiederum keinen Zweifel über den gewünschten Stellenwert des von Lobo (Studium in Umweltbiologie, Germanistik und Romanistik) präsentierten Buches in der Weltökonomie offenlässt.

Lobo dazu: "Konzerne fahren kleinere Sozialprogramme und kriegen dafür auch manchmal großen Applaus und setzen aber die Ausbeutung, die dort System hat, fort. Das wäre so, wie wenn ich in eine Bank gehe, diese ausraube, ein paar Leute erschieße. Dann habe ich einen Imageschaden, zahle dafür 100 Euro in die Opferkasse und bin aber schon unterwegs zum nächsten Bankraub. Das ist 'corporate social responsibilty." Alles klar? Die Botschaft lautet also:  Unternehmen=Pseudosozialprogramme=Bankraub= Mord=kriminell.

Vollkommen unwidersprochen werden solche extremistischen Ansichten auf ORF
gesendet. Kritisches Nachfragen oder eine Gegenthese zu den zahlreichen sozialen
und/oder Umwelt-Programmen von Unternehmen? Fehlanzeige im ORF.

Abschließend wird Lobo noch gefragt, ob er nicht auch einmal ein 'Weißbuch über
Markenfirmen' schreiben möchte; aber, so hört man, das hielten er und sein
Coautor für 'schlicht unmöglich': "Ein Buch zu schreiben über kleeiiiine Firmen (abfällige Betonung! Anm.), wo die Mitarbeiter gut behandelt werden, wo die Produkte glaubwürdig sind und die Umwelt gut behandelt wird, da müsste man eine ganze Bibliothek schreiben und die ist aber meist schon uninteressant, weil in der nächsten Stadt, wo man lebt..."
Aha. Nachdem man also nun erfahren hat, dass die großen Weltkonzerne die Menschen wie eh und je bloß ausbeuten, dieses Verhalten auch nach dem Erscheinen  des ersten 'Schwarzbuches' von Klaus Werner nicht geändert haben (unerhört!) und  die Sozialprogramme eh nur Makulatur zur reinen Imagepflege sind, wird man auch dessen versichert, dass es sinnlos und 'uninteressant' wäre, ein positives Buch über Unternehmen und/oder deren Unternehmer zu veröffentlichen.

Was die fortgesetzte 'Ausbeutung' der Menschen durch Weltkonzerne betrifft, muß man Lobo zugutehalten, dass der 'Gini-index' in Romanistik und Germanistik nicht unterrichtet wird. Somit könnte die Befreiung von Millionen Menschen aus Armut und Hunger, durch Arbeit in den 'Weltkonzernen', für ihn ein (noch?) verborgenes Geheimnis sein. Wer sich jedoch lieber an den Fakten orientiert, dem seien einzelne, aussagekräftige Abschnitte aus den aktuellen Gini-Studien empfohlen. Aha-Erkenntnisse und positive Neuigkeiten garantiert.

Ich denke aber, auch Lobo kennt diese Fakten recht gut. Er gehört vermutlich zu den Menschen, die ihre Feindbilder für den täglichen Antikapitalismus-Check einfach brauchen. Und wenn sich damit auch noch ein unterhaltsames Buch verkaufen lässt, warum nicht? Man kann die Einnahmen daraus ja vollständig in Sozial- und Umweltprogramme spenden. Oder an die ausgebeuteten Arbeiter der Druckerei und der Papierindustrie.

Apropos Fakten, der ORF hat in seiner Sendung ganz vergessen zu  erwähnen, dass Klaus Werner Lobo seit Jahren für die Grünen im Wiener Landtag sitzt.  Das ist per se natürlich nichts schlechtes, wäre nur eine nicht unwichtige Ergänzung, damit der Hörer das Gesagte auch politisch entsprechend einordnen kann. Und es wäre dann bei Lobo auch für alle außerhalb Wiens klar, dass das Gesagte von einem ‚Kapitalismuskritiker‘ oder ‚Kapitalismushasser‘ oder 'Antikapitalismuslobbyisten' oder auch ‚Ultra-Sozialextremisten’oder gerne auch 'Ecophoben' stammt - um im gewöhnlichen ORF-Duktus zu sprechen, wenn negative  Konnotation erwünscht ist.

Aber vielleicht möchten gerade das die Leute im ORF nicht.