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Werner Reichel
 

Vor rund sieben Jahren habe ich das ehemalige Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen besucht. Es ist jetzt eine Gedenkstätte und so erhalten, wie es die DDR-Staatssicherheit bis zum Mauerfall betrieben hat. Ein ehemaliger politscher Gefangener führte uns durch „sein“ Gefängnis.

Er war als junger Mann verhaftet worden. Wegen einer unangepassten Aussage. Das hat in der DDR gereicht. Er wusste nicht, ob und wann er wieder aus dem Stasi-Knast entlassen werden würde. Zu sehen sind in der nunmehrigen Gedenkstätte auch diverse Folterkammern. Hier wurden fast alle bekannten Oppositionellen und viele andere politische Gefangene physisch und psychisch gefoltert.

Der Unrechtsstaat, in dem das alles passiert ist, wird anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren derzeit von Ö1 regelrecht gefeiert. In der Sendereihe „Radiokolleg“ wird der real existierenden Sozialismus verklärt und durch eine rosarotrote Brille betrachtet. Schon der Titel dieser Sendereihe ist vielsagend: „Es gab nicht nur eine DDR“. Das erinnert an den nach dem Zweiten Weltkrieg beliebten Spruch: Es war ja nicht alles schlecht …

Da dürfen sich ewiggestrige Sozialisten und DDR-Ostalgiker etwa über den - O-Ton - „unsäglichen“ Film „Das Leben der Andern“ aufregen, der ein falsches Bild von der gar nicht so schlimmen DDR zeichne, so, als ob es die Bespitzlung und Verfolgung von Andersdenkenden nicht gegeben hätte. Dieses Radiokolleg ist eine einzige Verhöhnung der vielen Opfer und Verfolgten des DDR-Regimes.

Immer wieder beklagen sich die von Sendungsgestalterin Renate Schmidtkunz Interviewten darüber, dass die DDR (von bösen Kapitalisten) als Unrechtsstaat bezeichnet wird. Zu Unrecht, schließlich würden die gar nicht wissen, wie das Leben dort wirklich gewesen sei. Auch diese Argument hat man schon in anderem Zusammenhang gehört.

Ö1 hat sich die Zeitzeugen und Interviewpartner nach seinem Gusto ausgesucht. Verfolgte und Inhaftierte, wie etwa die bekannte Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, kommen nicht zu Wort. Das hätte das Bild von der DDR, die eh nicht nur nicht so schlimm, sondern fast schon eine linke Idylle mit kleinen Mängeln war, gestört. Schmidtkunz: „Diese Welt der Nischen war vielfältig und bunt.“

So bunt und vielfältig, dass viele für ihre Meinung und Ansichten im Gefängnis landeten. Auch die Hinterbliebenen jener Menschen, die auf der Flucht aus der bunten und vielfältigen DDR erschossen wurden, kommen nicht zu Wort. Stattdessen wird auf Ö1 gejammert, dass „die linke Utopie entwertet wurde“. Nach dem Mauerfall wohlgemerkt! Apropos Mauer: Die sei gar nicht das Problem gewesen, hätten ihr viele DDR-Bürger gesagt, so Schmidtkunz. Tipp an Ö1: Geben Sie in Google den Begriff „Mauertote“ ein. Sie werden überrascht sein, dass die Mauer für viele DDR-Bürger doch ein Problem war, für manche sogar ein tödliches.

Bedauert wird hingegen, dass die Wiedervereinigung in die falsche Richtung ging. Da stellt eine linke Dame fest, dass die DDR-Bürger gleich in die nächste „Bevormundung“ wollten, so, als ob die BRD nicht besser, sondern schlimmer als die DDR gewesen sei. Das ist auch der Grundtenor dieses Radiokollegs. Besser als im kapitalistischen, imperialistischen, neoliberalen und ausbeuterischen Westen war es in der DDR allemal. Freiheit hat für Linke bekanntlich keinen großen Wert.

Man sollte die Mitarbeiter von Ö1 zwangsverpflichten, sich von einem ehemaligen Gefangenen durch das Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen führen zu lassen. Das trübt vielleicht die nostalgische Sehnsucht nach der untergegangenen sozialistischen Diktatur etwas.