ORF-Watch.at Die unabhängige Kontrolle des Gebührenmonopols


Werner Reichel (Formate: So, 08.06.2014, 12:51)
Der Förster vom Silberwald reloaded

Saftige grüne Almen, schöne Berge, fesche blonde Mädel, schneidige Burschen: Es ist eine idyllische, liebliche und idealisierte Welt, die in den deutschen und österreichischen Heimatfilmen der 50er Jahre heraufbeschworen wird. Eine Form von Eskapismus. Kurz nach der Nazizeit und den Schrecken des 2. Weltkriegs flüchten sich viele Menschen in die liebliche Realität des Heimatfilms. Da ist die Welt in Ordnung und trotz aller Probleme und Verwirrungen steuert immer alles unaufhaltsam auf ein Happy End zu. Genau das, was viele Menschen damals offenbar gebraucht und gewollt haben.

Rund sechs Jahrzehnte später dürfte dieses Bedürfnis weder wachsen. Denn der Heimatfilm hat einen würdigen Nachfolger bekommen: seichte Multikulti-Komödien bzw. Multikulti-Dramen auf Groschenromanniveau. Der ORF hat jetzt ein Paradebeispiel dieses neuen alten Genres gezeigt: „Die Freischwimmerin“.

Den Zusehern wird in dem Fernsehfilm eine zuckersüße rosa Welt gezeigt, die meilenweit von jeder gesellschaftlichen Realität entfernt ist. Es werden nur scheinbar aktuelle und drängende Probleme (mangelnde Integration, Religionskonflikte, steigende Gewalt an Schulen etc.) unserer rezenten urbanen Multikulti-Gesellschaft aufgegriffen und thematisiert. Der Film bezweckt das genaue Gegenteil. Mit Kitsch, Pathos, gutmenschlichen Klischees und viel Zuckerguss wird die nicht ganz so erfreuliche Realität zugekleistert, eine Art Teletubbyland für Gutmenschen.

Alle Problemchen sind im Grunde nur Missverständnisse und lösen sich mit etwas guten Willen ohnehin sofort in Wohlgefallen auf. Es ist fast schon absurdes Theater.

In dem Fernsehfilm geht es um ein türkisches Mädel, das auf ein Wiener Gymnasium geht. Und hier fängt es bereits an. Die Schule ist modern, riesig, mit hellen lichtdurchfluteten Räumen und in der Klasse ist die Protagonistin das einzige Kind mit Migrationshintergrund.  Alle anderen Kinder haben reiche Eltern und leben in riesigen Villen, selbst die junge Lehrerin. Die Wirklichkeit in und an Wiens Schulen ist jedenfalls eine komplett andere.

Und so wie in den 50er Jahren die Schönheit der Berge und der Natur einen integrativen Bestandteil der Handlung bilden, ist es beim Neo-Heimatfilm die Ästhetik der modernen Großstadt. Da geht die Sonne hinter der Skyline der Donaucity unter, im Vordergrund glitzert das Wasser der Alten Donau und die Darsteller sitzen im satten Abendrot auf der Terrasse eines schicken Lokals. Es sind wirklich wunderschöne Bilder. Es ist eine idealisierte Umwelt, ein Utopia der Multikulti-Apologeten. Wien ist viel hässlicher, in vielerlei Beziehung.

Und genau so wie die aufgehübschte Kulisse ist auch die Handlung. Die Filmkritik hatte einst über den „Förster vom Silberwald“ von „vordergründigen Gegensatzpaaren“ und von einem „süßlichen Drama" geschrieben. Das lässt sich gut auf die Freischwimmerin übertragen.

Es sind die üblichen Klischees der politischen Korrektheit. Die österreichischen Kinder machen sich über das türkische Mädchen lustig, weil sie mit Burkini (Ganzkörperbadeanzug) an einer Schwimmmeisterschaft teilnehmen will. Böse Sportfunktionäre wollen sie aber nur mit Badeanzug schwimmen lassen und der Schuldirektor ächzt verzweifelt: „Mit den Migranten gibt es  immer nur Probleme“. Aber eine junge und fesche Lehrerin löst ohnehin alle nicht allzu großen Probleme mit viel Idealismus und Engagement. Als Belohnung dafür kriegt sie dann den sympathischen Bruder des türkischen Mädchens ab.

Ja, es löst sich alles in Wohlgefallen auf. Das Mädchen überwindet sich und zieht für das Staffelwettschwimmen einen Badeanzug an und der Bruder hat doch kein Problem damit. Sie kommen sozusagen in der österreichischen Gesellschaft an. Bei der Siegerehrung  binden sich ihre Mitschüler als Zeichen der Solidarität ihre Fahnen als Kopftücher um und so manchem steigen die Tränen der Rührung in die Augen. 

Selbstverständlich verliebt sich das türkische Mädchen dann auch noch in einen österreichischen Jungen. Und um das Happy End perfekt zu machen und die naive Frohbotschaft noch plakativer an den Bürger zu bringen, treffen sich in einer türkischen Bar Österreicher und Türken, um sich das Ländermatch Österreich gegen die Türkei anzusehen. Im Lokal hängen die Fahnen der beiden Länder und das Match endet – welch Überraschung – mit einem Unentschieden. Es ist der totale Harmonieoverkill, eine picksüße naive Multikultischeinwelt, wie sie sich viele Gutmenschen wohl erträumen und erhoffen. Alle Probleme lassen sich mit Dialog, Liebe, Verständnis ruck zuck lösen.

Der Film ist eine Verhöhnung all jener, die tagtäglich mit einer ganz andern Wirklichkeit konfrontiert sind. Aber die bekommt man im ORF so gut wie nie zu Gesicht.

Di, 10.06.2014, 21:37 | herbert manninger

Die Qualität dieser Kitschkomödie lässt auf die Verachtung der Produzenten gegenüber den Zusehern schließen, denen man eh alles hinein drücken kann.
Volkserziehung nach Art des ORF-Hauses.
Mo, 09.06.2014, 15:06 | Zenius

Bravo, Herr Reichel!
Ein vortrefflicher Kommentar über die Propaganda-Filmer beim Staatsfunk.
Mo, 09.06.2014, 13:00 | Freidenker

Eine absolut zutreffende Einschätzung dieses weltfremden Schinkens. So gibt es auch keinen 'Krimi' mehr, wo nicht der schnöde Einheimische der Täter oder zumindest der Anstifter ist. Nicht sehenswert.
Mo, 09.06.2014, 02:39 | rico

Jaja, wir wollwn ja im Fernsehen ja alle nur problemüberfrachtete Katastrophenstreifen sehen, die uns das Blut in den Adern gefrieren lassen. Dann frohlockt der Kritiker. Armer Kritiker.
Do, 12.06.2014, 11:55 | Blaues Wunder

Also Sie haben gar nichts kapiert!
So, 08.06.2014, 13:41 | oberstreber

Die Welt könnte doch so schön sein, wenn nicht die Menschen wären wie sie sind. Und türkische Brüder (aber auch Väter und Onkeln) wollen eines unter keinen Umständen: Ihr Gesicht verlieren. Das ist es



Ich will die Datenschutzerklärung lesen.

Kommentar senden