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Werner Reichel (Formate: Di, 05.08.2014, 12:18)
Netflix und die Zukunft des Fernsehens

Im September startet in Österreich, Deutschland und einigen weiteren europäischen Ländern Netflix. Netflix, das ist ein Video-on-Demand Internetdienst aus den USA. Mit einer monatlichen Flatrate von ca. neun Euro kann man sich Serien und Filme anschauen, wann und wie oft man will. 50 Millionen Abonnenten in 40 Ländern hat Netflix bereits. Mit den neuen Märkten in Europa sollen weitere dazukommen. Kein Wunder also, dass der ORF und die anderen „Oldschool“-Sender wie RTL oder Pro7 angesichts solcher Zahlen etwas nervös werden. Der ORF hat sich bereits beim winzigen heimischen Video-On-Demand Dienst flimmit.com eingekauft.

Der Einstieg von Netflix in den deutschsprachigen Markt ist ein weiterer Schritt weg von den altmodischen Push-Medien wie Fernsehen oder Radio hin zu den modernen Pull-Medien. Immer weniger Menschen sind bereit, sich von einem TV-Sender den Tagesablauf diktieren zu lassen. Die Zeiten, als die halbe Nation um 19:30 vor dem Kastl gesessen ist, um die Staatsnachrichten zu sehen, sind längst Geschichte. Den Begriff „Straßenfeger“ gibt es (bei Filmen und Serien) nicht mehr. Der Trend geht eindeutig weg vom orts- und termingebundenen (linearen) Fernsehen, hin zu mobilem und zeitversetztem Konsum.

Deshalb boomen Dienste wie Netflix, YouTube oder auch die TV-Thek des ORF. Ist das das Ende des herkömmlichen Fernsehens? Lösen diese Angebote und Dienste das lineare TV-Programm ab?

Mitnichten. Das Fernsehverhalten und die Fernsehprogramme werden sich ändern (ändern müssen), aber verdrängen werden die On-Demand Dienste das herkömmliche TV-Programm nicht. Berücksichtigt man alle Endgeräte (Smartphones, Tablets, etc.) und alle Angebote, steigt der Fernsehkonsum sogar. Natürlich werden billig produzierte TV-Sender, die vor allem verstaubte Filme und Serien in Endlosschleifen abspielen, immer bedeutungsloser. Das Fernsehen muss sein Programmangebot anpassen, auf seine Stärken setzen. Und die hat das lineare Fernsehen zweifellos. Sie liegen aber eben nicht im Abspielen von Kinofilmen oder Serien, also im Fiction-Bereich. Der wird künftig die Domäne von legalen Diensten wie Netflix sein.

Die Stärken des Fernsehens liegen vor allem bei der Übertragung von Live-Events und bei Live-Berichterstattungen. Also im Sport-, Show/Event- und Nachrichtenbereich. Bei der Fußball-WM haben sich Hunderte Millionen Menschen vor den TV-Geräten versammelt, der Superbowl ist jedes Jahr ein gigantisches TV-Ereignis und die Skiübertragungen des ORF sind noch immer ein nationaler Quotenbringer. Auch die Übertragung des Song-Contest im nächsten Jahr wird dem ORF Rekordeinschaltzahlen bescheren.

Bei allem, was man direkt, in dieser Sekunde gemeinsam mit vielen anderen Menschen erleben will, sind die linearen TV-Sender auch in Zukunft unverzichtbar. Das gilt mit Einschränkungen auch für den Newsbereich und vor allem dann, wenn irgendwo auf der Welt etwas Dramatisches passiert und man die Entwicklung dieses Ereignisses live mit verfolgen will.

Neben diesen offensichtlichen Stärken hat TV aber auch eine soziale, psychologische Funktion. Es kann ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, ein Gefühl, etwas mit Tausenden anderen Menschen gleichzeitig zu tun, zu lachen, sich gruseln, etc. Es ist nämlich nicht dasselbe, ob ich man sich die 128ste Wiederholung einer Inspektor-Columbo-Folge im TV oder auf DVD ansieht. Im ersteren Fall tut man das in der Gewissheit, dass zumindest ein paar Tausend andere Menschen in diesem Augenblick das Gleiche tun. Das hat eine andere Qualität, als sich alleine eine DVD reinzuziehen. 

Vorbei sind aber definitiv jene Zeiten, als das Fernsehen noch die Gesprächsthemen einer ganzen Nation beeinflusst hat, wenn am nächsten Tag in Büro, Schule oder Werkstatt über das TV-Programm vom Vortag diskutiert worden ist. Mit der Einstellung von Wetten dass… ist diese Ära definitiv zu Ende gegangen. Das Fernsehen als nationale Klammer hat ausgedient. Das liegt einerseits am extrem großen Sender-Angebot - in den 70ern hat es eben nur FS1 und FS2 gegeben -, zum anderen liegt das auch an der Bevölkerungsstruktur unserer rezenten Multikultigesellschaft: Der Villacher Fasching interessiert die türkischen Neoösterreicher genauso wenig, wie der Schladminger Nachtslalom den Zuwanderer aus China.

Die mittlerweile wichtigste Funktion des linearen Fernsehens ist aber die Berieselung, es ist zum Hintergrundmedium geworden. TV wird von immer mehr Menschen wie Radio konsumiert, es läuft als Tagesbegleiter im Hintergrund, ohne dass man das Programm konzentriert mit verfolgt. Ein Kopfdruck und schon läuft das Kastl, Inhalte sind zweitrangig. Diese Funktion sollte nicht unterschätzt werden, Radio ist deshalb noch immer (gemeinsam mit dem Internet) das Medium mit der größten Nutzungsdauer. Und genauso wie das Radio strukturiert auch das Fernsehen für viele (vor allem ältere) Menschen noch immer den Tag: ZiB2 immer um 22 Uhr, am Sonntagabend Tatort... TV-Sendungen als wichtige Orientierungspunkte und Rituale. Netflix und Co. werden das herkömmliche Fernsehen sicher nicht verdrängen, sie werden das Angebot ergänzen, vergrößern und das Nutzungsverhalten verändern. Für Sender wie den ORF, ZDF oder auch RTL und Pro7 ein große Herausforderung.

 

Mi, 06.08.2014, 22:12 | Sandwalk

Das lineare Fernsehen stirbt nicht, genauso wie DVD und Bluray nicht sterben werden. Wegen der Vielfalt an Medienangeboten wird die Indoktrinationskraft des ORF allerdings zurückgehen. Gut so!
Mi, 06.08.2014, 08:55 | Segestes

Live Events können problemlois per Internet zum Seher aufs Smart-TV übertragen werden. Da braucht man keinen klassischen TV-Sender
Das Netflix angebot ist leider bescheiden, dann schon lieber movie
Mi, 06.08.2014, 09:09 | Opodo

Problemlos würde ich nicht sagen. Beim WM Finale in Brasilien wäre das Internet aufgrund der Datenmengen wohl zusammengebrochen. Broadcasting hat schon vVorteile gegenüber Point to Point Übertragu
Di, 05.08.2014, 18:03 | Schwarzer Panther

Mit Netflix rollt da eine riesige Herausforderung auf alle Fernsehanbieter ORF, ATV, Puls & Servus zu: Möglicherweise werden die Veränderungen größer als es jetzt einschätzbar ist!



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