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Elisabeth Hennefeld (Öffentlich-rechtlich: So, 21.12.2014, 23:48)
Adventwochenendliche Handelsbilanz

Alle Jahre wieder um die besinnlichste Zeit des Jahres durchfährt den ORF der Geist der Konjunkturanalytiker. Ansonsten für volkswirtschaftliche Kenndaten völlig blind versorgt uns der staatliche Rundfunk in allen Medien über die detaillierten Abschlüsse des Einzelhandels aufgedröselt nach Branchen und Einkauftssamstagen. 2014 ist der Handel zufrieden. Na Gott sei Dank!

Sportartikel sind im Vergleich zum Vorjahr um 2.56 Prozent teurer geworden. Dafür konnte Schmuck stark zulegen und schon am dritten Adventsamstag das Rekordergebnis im Zehnjahresvergleich einfahren. Als ob es zu Weihnachten um nichts anderes ginge. Als ob wir in so ereignislosen Zeiten leben würden, dass die armen Nachrichtenredakteure nichts anderes berichten könnten.

Im Prinzip freut es mich ja, wenn über Wirtschaft einmal ganz neutral berichtet wird. Keine subtil verpackte Kapitalismuskritik, keine ausgebeuteten Proletarier, keine hungernden Kinder in Afrika oder niemals wieder nachwachsende Bäume, kein gesellschaftlicher Verfall, weil Apple-Konsumenten ihr iPhone gar so kultig verehren. In das Weihnachtsgeschäft und seine detaillierten Analysen kann man in der Tat recht wesentliche Rückschlüsse ziehen auf die Lebensumstände unserer Landsleute. Sind sie ängstlich oder zuversichtlich, machen sie sich Sorgen, kaufen sie Vergängliches oder Wertbeständiges, wie bilanziert das Geschäftsjahr 6 nach Beginn der Wirtschaftskrise. Daraus kann man Prognosen erstellen, wie’s weiter gehen wird, Firmenstrategien entwickeln, Steuerpläne schmieden, und so weiter und so fort…

Alles interessant, alles relevant, nur werden wir von den Medien des ORF über jede Regung des Weihnachtsgeschäftes im Kleinsten informiert, als würde es sich um eine Geiselnahme handeln. Und die häufige Wiederholung in der Vorweihnachtszeit ist gar besonders unpassend. Es geht bei diesem Feiertag nämlich nicht nur um Geschenke; und diese müssen nicht unbedingt materieller Natur sein, auch wenn die Medien dies wie ein Mantra einen geschlagenen Monat lang suggerieren.

Die Ironie ist ja eigentlich, dass genau die Medien, die im Dezember über nichts reden als Einzelhandelsstatistiken, sich den Rest des Jahres aufregen über Konsumismus, Profitgier und Manchesterkapitalismus.



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