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Werner Reichel (Ideologie: So, 05.02.2017, 19:06)
ATV: Die herbeiphantasierte Meinungsvielfalt

ATV soll verkauft werden. Eigentümer Herber Kloiber will den chronisch quotenschwachen Privatsender an die ProSiebenSat1Puls4-Gruppe abstoßen. Die Wettbewerbsbehörde hat bereits grünes Licht signalisiert. Die ATV-Redaktion ist darüber aus verständlichen Gründen nicht erfreut. Sie hat einen Brief an den roten Medienminister Thomas Drozda geschrieben.

Darin warnen die ATV-Journalisten vor einem Verlust an Meinungsvielfalt in Österreich. Dieser Appell von Journalisten aus dem Privat-TV an die Regierung ist aus gleich drei Gründen bemerkenswert. Vor allem, weil man dafür die Meinungsvielfalt bemüht.

Erstens: ATV-Nachrichten unterscheiden sich nicht wesentlich von den anderen Nachrichten im Privat-TV. Ideologische Ausrichtung, parteipolitische Präferenzen, Nachrichtenauswahl, Aufbereitung der Newsstories: All das unterschiedet sich bestenfalls in Nuancen von ORF oder von Puls4. Dass sich die ATV-Journalisten, jetzt wo sie um ihre Jobs fürchten müssen, selbst als kritische Journalisten inszenieren, die für die ohnehin nicht vorhandene Meinungsvielfalt in Österreich unverzichtbar sind, ist – Pardon – lächerlich: „Der sehr kleine Fernsehmarkt in Österreich würde eine kritische Stimme verlieren, (…) Nur eine Vielfalt an Redaktionen sichert eine Vielfalt an Meinungen (…)“

Nein, eine Vielfalt an Redaktionen ist kein Garant für eine Vielfalt an Meinungen. Nämlich dann, wenn die Reaktionen, aus welchen Gründen auch immer, alle mehr oder weniger dasselbe berichten. Ganz ehrlich, ob ATV Nachrichten sendet oder nicht, ist für die Meinungsvielfalt in Österreich völlig unerheblich. ATV schwimmt wie fast alle heimischen Medien im linken Meinungsmainstream. Ein Fisch von vielen. Noch dazu ein kleiner.

ATV hat weder etwas zur Meinungsvielfalt beigetragen, noch war es eine kritische Stimme. Man hat stets das kritisiert, was ohnehin alle anderen Mainstream-Journalisten auch kritisiert haben, nämlich in erster Linie die nichtlinke Opposition. More of the same statt mehr Meinungsvielfalt.

Zweitens: Was erwarten sich die ATV-Mitarbeiter von Herrn Drozda? Soll ATV staatlich gefördert, verstaatlicht oder in den ORF eingegliedert werden? Das ist sicher der heimliche Wunsch der politisch korrekten TV-Journalisten. Schließlich hätten sie es sich verdient. Man hat immer brav über die SPÖ und ihre grüne Satellitenpartei berichtet, hat immer brav gegen alle Kritiker von Rotgrün Stimmung gemacht. Da wäre es ja fast die moralische Pflicht …

Auch die halbe Belegschaft der Arbeiterzeitung ist seinerzeit schließlich beim ORF untergekommen.

Drittens: Die ATV-Redakteure überschätzen ihre Bedeutung. Man schreibt im Brief an Drozda stolz: „Wir informierten 2016 Tag für Tag 362.000 Menschen in fünf Sendungen von ATV Aktuell.“ Wenn man mit fünf Nachrichtensendungen keine 400.000 Menschen erreicht, ist das - mit Verlaub - eher dürftig und dürfte mit ein Grund dafür sein, warum Herr Kloiber ATV loswerden möchte.

Mit etwas Stolz darf ich in diesem Zusammenhang auf mich selbst verweisen. Viele Texte von mir, die meist auf drei verschiedenen alternativen Internetmedien erscheinen, erreichen nicht selten um die 300.000 Menschen. Ich maße mir dennoch nicht an zu behaupten -  obwohl meine Artikel und Essays aktuelle gesellschaftspolitische oder wirtschaftliche Probleme und Entwicklungen tatsächlich aus anderer als der üblichen politisch korrekten Perspektive beleuchten -, einen wichtigen Beitrag zur Meinungsvielfalt zu leisten, für den die Allgemeinheit unfreiwillig zahlen sollte, wie das in Österreich dank Rundfunk-Gebühren, Presseförderung und Inseratenflut aus öffentlicher Hand der Fall ist.

Kurzum: Wären die ATV-Redakteure tatsächlich (regierungs)kritische Journalisten, die nicht nur den üblichen politisch korrekten Meinungsbrei verbreiten, dann wäre dieser Appell erstens glaubwürdiger gewesen und zweitens hätten sie vielleicht mehr Zuseher erreicht und dieser Brief wäre gar nicht notwendig gewesen.

Aber so! Die ATV-Journalisten waren stets linke Hofberichterstatter und erwarten sich nun, jetzt wo die Redaktion vor dem Zusperren steht, vom Hof, sprich von den Herrn Drozda, Kern und Genossen, Dank dafür. Den werden sie nicht bekommen. Das linke Establishment braucht sie nicht. Es gibt schließlich so viele brave politisch korrekte Fischlein im großen Medienteich.