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Werner Grotte (radiow Mi, 20.08.2014, 16:00)
Das Radio Wien Magazin

Eine Glanzleistung journalistischer Improvisation lieferte Radio Wien gestern Abend. Schon den ganzen Nachmittag war über Tom Cruises „viel zu frühen“ Wien Besuch anlässlich der Dreharbeiten an „Mission Impossible V.“ geplaudert worden (er sollte statt in der Früh erst am Abend landen). In diesem Zusammenhang wurde auch über ein Amateur-Video diskutiert, das angeblich den US-Schauspieler Vormittags am Weg in die Oper zeigen soll. Die Meinungen der Moderatoren dazu gingen von „Na kloar, des is er“ bis zu „Des kann ja jeder sein“.

Dann, so gegen 19.40, endlich die Erlösung: Statt die Gunst des längeren Aufenthaltes von Cruise genutzt zu haben um diesen selbst aufzuspüren, brachte die Radio Wien-Reporterin ein Interview mit einem Arbeiter, der an der für die Dreharbeiten teils gesperrten Ringstraße im Einsatz war. Er will Cruise am Vormittag persönlich am Weg in die Oper gesehen und dabei das umstrittene Video gedreht haben. „I hab die Limousine bei der Oper vorfahren gesehen, dann ist der Cruise ausgestiegen, ich hab gerufen ‚Welcome Mr. Cruise‘, und er hat mir zugewunken. Dann ist er in die Oper hinein“, erzählte der Mann.

Auf die Frage, wie das denn sei, einen berühmten Star so ganz aus der Nähe zu sehen, meinte der Arbeiter: „Der macht den selben Dreck wie Du und ich, also ist er ein ganz normaler Mensch“. Nachsatz: „Aber natürlich ist es aufregend, so an kleinen G’sterml aus Hollywood einmal in echt zu sehen“.

Sodann verkündete die Moderatorin final, daß man das Video ab sofort auf der Radio-Wien-Facebook-Seite ansehen könne. Welche Sensation! Ein undeutliches Amateurvideo als Knüller. Tom Cruise aus dritter Hand. Die endgültige journalistische Bankrotterklärung des sonst stellenweise recht gut gestalteten Radio Wien. Vielleicht sollte man den Arbeiter mit seinen erfrischend ungezwungenen Aussagen als Reporter und Moderator engagieren. Er hat Cruise immerhin gefunden – und angesprochen.

Ob jemand aus Tom Cruises Tross, der die Sendung zufällig gehört hat, seinem Chef den „kleinen G’sterml“ übersetzt hat, bleibt wohl für immer ein Geheimnis. Es sei denn, Radio Wien treibt eine Hotel-Putzfrau auf, die an der Tür gelauscht und alles, wenn auch undeutlich, mit ihrem Telefon mitgeschnitten hat.



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