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Elisabeth Hennefeld (oe1 Mo, 30.03.2015, 09:05)
Radiokolleg - Wenn Erwachsene lesen und schreiben lernen

Ö1 beschäftigt sich diese Woche im Radiokolleg mit Erwachsenen, die nicht sinnerfassend lesen können. Eine Million Menschen sollen schätzungsweise in Österreich davon betroffen sein; und weiß Gott nicht nur Ausländer, die Mehrheit hat gar keinen Migrationshintergrund, um beim Ö1-Sprech zu bleiben. Wenn ich sinnerfassend zuhören kann, heißt das, dass unsere Pflichtschulen jeden sechsten Schüler ins Leben schicken ohne ausreichende Lese- und Schreibefertigkeiten. Jeden sechsten! Man könnte das als schallende Ohrfeige für unser Bildungssystem verstehen. Ö1 tut das zwar nicht, aber man könnte, vielleicht.

Da wird eine geschlagene halbe Stunde über „Bildungsbenachteiligung“ und die „Furcht vor sozialer Stigmatisierung“ schwadroniert, von autoritären Lehrern und bildungsfernen Eltern. Aber mit keiner Silbe fragt irgendwer nach der Qualität unserer Volksschulen. Natürlich nicht, sind sie doch der von der linken Reichshälfte ideologisch favorisierten Bildungsvision der Gesamtschule am nächsten. Dort gehen ja schon Kinder aller sozialer Schichten in die gleiche Klasse, das Kind, dass sich mit 4 Jahren selber lesen beigebracht hat, sitzt neben dem Kind, das sich mit Legasthenie plagt und eben dieses Wort erst mit 12 buchstabieren kann.

Und das erste Kind ist offenbar überhaupt nicht unterfordert, wenn es mit den anderen in der ersten Klasse zeilenweise „A“ malen darf und das zweite Kind ist sicher besonderes motiviert, wenn ihm Stunde für Stunde unter die Nase gerieben wird, wie himmelweit es seinen Altersgenossen hinterher hinkt. Trotzdem wurschtelt sich das zweite Kind von Klasse zu Klasse. Wiederholen wäre nicht zumutbar, weil das einen irreparablen psychischen Knacks auslösen würde. Da ist es doch viel besser, wenn man in den neun Pflichtschuljahren ununterbrochen häppchenweise zu spüren bekommt, dass man ein Trottel ist. Und am Ende wurden eine Million in unserer Republik ohne das notwendendige Rüstzeug ins Leben geschubst.

Damit hat die Volksschule bei jedem sechsten von uns vollkommen versagt. Große Debatten darüber sind nicht zu erwarten, da dieses Schulmodell ja unter dem Titel „Neue Mittelschule“ unbeirrt erweitert werden soll.

Ganz unabhängig vom Türschild und der Art, wie unsere Schulen strukturiert sind, sollten sie uns das Lesen irgendwie beibringen. Statistisch sind etwa 20 Prozent in jedem Jahrgang Legastheniker und tun sich damit per se schwerer, egal ob die Eltern Leseratten sind oder nicht oder ob der Lehrer lieb zu ihnen ist. Denn sie sind sich ja ihrer Unzulänglichkeit durchaus bewusst, doch welcher Achtjährige tigert sich in etwas hinein, wo er genau weiß, dass er schlecht ist. Der verständnisvollste Lehrer wird einen nicht darüber hinweg trösten können, dass man sich selber ziemlich blöd vorkommt, da man ja den Vergleich andauernd vor sich hat. Unter den Maturanten haben nur noch zwei Prozent diese Leseschwäche. Werden diese von den gesamt 20 Prozent abgezogen, kommen wir den 17 Prozent sekundären Analphabeten verdächtig nahe.

Der Schreiber dieser Zeilen hatte als Kind auch große Mühe mit dem Lesen und hat bis weit in die Teenagerjahre nach Möglichkeit einen respektvollen Bogen um Bücher gemacht. Ich kann daher die im Beitrag angesprochene Scham der Betroffenen sehr gut nachempfinden. Ich verdanke es vor allem meiner Mutter und ihrer Engelsgeduld, dass ich die Kurve rechtzeitig gekratzt habe. Sie selbst gehört auch zum Klub und hat sich sicher auch deshalb besonders um mich bemüht.

Dieses Problem wird sich nicht mit soziologischen Analysen über „Bildungsbenachteiligung“ lösen, sondern mit engagierten Eltern, die auf die einzelnen Bedürfnisse ihres Kindes besser eingehen können als jeder Lehrer, der noch 19 weitere Individualherausforderungen in der Klasse sitzen hat. Vielleicht würde es auch sehr helfen, wenn wir uns von dem Mantra lösen würden, dass wir aus gesellschaftspolitischen Gründen alle Kinder, unabhängig von ihren Stärken und Schwächen und persönlicher Entwicklung, in die gleiche Klasse pferchen müssen.

Di, 31.03.2015, 11:28 | grantiger

Rettet vor allem auch die deutsche Sprache vor dem grassierenden Genderwahnsinn. Da kommen gerne mal Begriffe wie "Kinder und Kinderinnen" von einem ÖVP-Staatssekretär, ohne dass dieser in Grund u
Mo, 30.03.2015, 20:39 | Karli Kraus

Müsste es nicht heissen "die Schreiberin dieser Zeilen...." oder hat da jemand seinen Namen geliehen?
Mo, 30.03.2015, 22:23 | Elisabeth Hennefeld

Nein, sie meinte die Person, die schriebt, in geschlechtsneutraler Form, da sie es in diesem Zusammenhang für unerheblich hält, ob sie ein Männchen oder Weibchen ist. Rettet das generische Maskulin
Mo, 30.03.2015, 22:24 | Elisabeth Hennefeld

generische Maskulinum



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