ORF-Watch.at Die unabhängige Kontrolle des Gebührenmonopols


Werner Reichel (Ö1 Mi, 26.06.2019, 08:00)
Journal um acht

Es ist wie in der berühmte Szene im Film Matrix: Der Protagonist muss sich zwischen der roten und der blauen Kapsel entschieden, zwischen Realität und Scheinwelt. Ich entscheide mich jeden Morgen für die Traumweltkapsel, drehe das Ö1-Morgenjournal auf und lande in einem knallrotgrünen Universum, wo Sozialismus, Multikulti, Genderismus, linke Voodoo-Ökonomie und Energiewende bestens funktionieren, wo alles simpel und die Guten und Bösen klar erkennbar und voneinander getrennt sind.

Zwischentöne gibt es in dieser Welt nicht. Zu den Bösen zählt eindeutig Donald Trump. Er ist sogar ein Oberbösewicht. Deshalb kommt er auch auf Ö1 so oft vor. Als abschreckendes Beispiel, als moderner Beelzebub.

Ich schalte mich in die Ö1-Traumwelt und die erste Meldung dreht sich - Bingo! - um Trump. Sonderermittler Robert Mueller soll vor dem US-Kongress aussagen. Es ist nur ein weiterer Versuch der Demokraten, Trump in Sachen Wahlkampfbeeinflussung irgendetwas anzuhängen. Die Guten, die Demokraten und ihre Freunde in Europa, wollen und können nicht akzeptieren, dass die US-Bürger aus eigenem Antrieb Trump gewählt und ihre Hillary in die Wüste geschickt haben. Täglich leben die Ö1-Redakteure auf Kosten der Gebührenzahler ihre Trump-Phobie aus.

Danach wendet man sich erfreulicheren Dingen zu: Dänemark bekommt eine sozialdemokratische Minderheitsregierung, die von Linksparteien gestützt wird. Die neue Regierung will sich vor allem um Klimarettung und soziale Gerechtigkeit kümmern. Auch in Österreich, genauer gesagt in Traiskirchen, wird das Klima gerettet. SPÖ-Bürgermeister Andreas Babler, der den Klimanotstand ausgerufen hat, wird derzeit im ORF als eine Art SPÖ-Wunderheiler herumgereicht. Heute wird er auf Ö1 ausführlichen interviewt.

Selbst sie zählt auf Ö1 zu den Guten: Maria Vassilakou. Man widmet der abtretende grünen Vizebürgermeisterin einen Beitrag, bei dem ihre politischen Glanzleistungen aufgelistet werden. Ein journalistisches Kunststück, ebenso wie der nächste Beitrag: Ö1 berichtet über den Budgetüberschuss im ersten Drittel dieses Jahres, ohne mit nur einem Wort zu erwähnen, wer dafür verantwortlich ist, nämlich die türkis-blaue Regierung. Das Minidefizit im Jahr 2018 und der bisherige Budgetüberschuss 2019 sind gemäß Ö1-Darstellung vom Himmel gefallen. Wie gesagt, in dieser Welt sind Gut und Böse klar definiert. Deshalb kann von der bösen Ex-Regierung auch nichts Positives kommen. Jetzt reicht es, ich drehe Ö1 ab und kehre wieder in die Realität zurück. Die ist ja in Wien besonders bunt.